Wie immer vor Ende des Jahres, dann, wenn die Leute so einwenig sentimental werden und feststellen müssen, dass es mit den guten Vorsätzen halt doch nicht so geklappt hat wie am 31.12. nach drei Gläsern Rimuss angeplant, machen die Menschen eine Art Jahresrückblick – die Tagesschau rollt alles auf, die Zeitungen rollen alles auf, und jedefrau und jedermann setzen sich zu Hause mal kurz hin und überlegen sich das alles nochmal. Grund genug für uns, es ebenfalls zu tun:
Musikalisch betrachtet war 2010 auf jeden Fall ein Konsolidierungsjahr – im positiven Sinne. Es kam weniger raus als auch schon, oder aber wir haben uns selektiv nur sehr wenig angehört, beides ist möglich, aber mit Kanye West (!!!), Rick Ross, Drake, Freeway & Jake One, dann aber auch Cee-Lo Green kamen durchaus mehr als anständige Alben auf den Plattenmarkt, die irgendwo auch gezeigt haben, dass Hip Hop (und Soul und R’n'B und Disko und so) immer noch viel Spass machen können, vorausgesetzt, man hat den Mut, diesen zwar nicht die Wurzeln zu nehmen, aber sie evtl. einwenig den 2010-Gepflogenheiten anzupassen. Auch aus der Schweiz gab’s positives zu berichten: Tommy Vercetti und Baze lieferten beide Topplatten ab. Daneben gab’s einige Einliederhighlights und international unglaublich viel Uptempomucke, die sich gewaschen hatte, inzwischen sind ja auch die CH-Charts auf dem Film und feiern Barbra Streisand ab als gäb’s kein Morgen, und diese drei dicklichen Skandinavier haben auch noch die oder andere Hymne rausgebrätscht, als hätten sie mit Hans Zimmer geschlafen. Freilich waren all diese positiven Elemente umgarnt von einer gefühlten Milliarde schlechter, vergänglicher Remixes, aber es ist 2010, damit muss man leben können, rewind, selectah lautet die Devise. Daraus ergibt sich dann wohl auch das berechtigte Fazit einer Musikwelt zur Zeit des Internets – im Schnitt, im überaus globalen Schnitt, kommt durch das Internet nicht mehr gutes, sondern mehr schlechtes Zeug an die Oberfläche. Der Traum des Myspace-Signings ist irgendwie tot, Gruss an Moneyboy. Die Perlen zu finden erfordert heute zwar nicht mehr den Gang in den Plattenladen, dafür dreimal so viel Zeit, Energie, Schweiss und Tränen auf den Musikblogs dieser Welt. Die Quote der Durchdasnetzzurechtberühmtgewordenen ist definitiv gering. Soviel zum Musikalischen.
Wie war 2010 sonst? Eine Fortsetzung des Altbekannten. Zahlreiche Nonames, insbesondere mässig talentierte DJs, die sich feiern, als wären sie Silvester, daneben zahlreiche Leute, die nie den Credit bekommen werden, den sie verdienen. Wir hatten Erdbeben, wir hatten Ölplattformen, wir hatten jeder Grappa zählt und dazwischen noch King Roger. Wir hatten Siege gegen Spanien und Unentschieden gegen Honduras, wir hatten die wunderbare deutsche Elf und einen eigenwilligen Vulkan, wir hatten verschüttete Chilenen und mal wieder Bomben auf dem Times Square, wir hatten Lumengos Wahlzettel und das Loveparade-Drama. (Und daneben noch ein paar Sachen, die mir gerade nicht einfallen oder die ich längst vergessen habe, und die auch zeigen, wie schnell das alles geht in der heutigen Zeit; es ist Wahnsinn, Du). Die Schweizer Politik geht den Bach runter, und am Tag danach lamentieren all die, die sich die Wochen vorher in Schöngeistparolen geübt hatten. Facebook wurde noch grösser und gab noch mehr Schwachmaten die Möglichkeit, ihren Nonsens direkt in den weiten Äther rauszupulvern. Meine Blockerliste ist grösser geworden, meine Hiding-Liste unendlich, ich bin da inzwischen – wie bei der Musik oben – relativ emotionslos, einfach Mausklick und weg damit, nervt eh nur. Daneben enorm viel gutes auf zwischenmenschlicher Ebene, es ist ein Zeichen von Reife, wenn man sich mit den Mongos gar nicht mehr abgibt und sich dafür auf die guten Leute konzentriert – ganz nebenbei korrigiert solch ein Verhalten die Statistik guter zwischenmenschlicher Kontakte nach oben. 2010 war – bei mir persönlich – auch sehr arbeitssam, und solche Arbeitswochen und -tage, wie ich sie 2010 kennengelernt habe, lassen einen bezüglich seiner Freizeitgestaltung selektiver werden. Soviel zur Vergangeheit. Was lernen wir daraus, und was nehmen wir uns für 2011 vor?
Grundsätzlich mal: Wir lernen nichts. Wir wollen endlich (und für immer) die Dissertation abgeben. Wir wollen die Anwaltsprüfungen bestehen. Das gibt nicht geringere Arbeitstage. Wir wollen das renne.ch-Buch rausbringen. Auch das trägt nicht zu weniger Arbeit bei. Und ja, musikalisch haben wir ja auch noch die oder andere Sache vor: Glanz & Gloria rausbringen. Danach weitergucken. Ziemlich sicher MVM3 rausbringen. Und ob all dem die Frau an der Seite, die Freunde da draussen und vor allem den Spass an der Freude nicht komplett vergessen. Und reich werden wollen wir natürlich auch noch.
Ihr seht, es wird einiges gehen. Und gerade weil vieles gehen wird, ist nicht zu erwarten, dass ich ursprüngliche Update-Regelmässigkeiten auf diesem Blog nochmals werde erreichen können. Ich bitte um Verständnis. Und ich danke natürlich allen, die diesen Blog, dieses Projekt, dieses Movement (LOL) die ganze Zeit supportn, für ihre Treue. Gleichzeitig glaube ich, dass es jetzt tatsächlich Zeit dafür ist, all das, was man über die Jahre so gelernt hat, in diesem sagenumwobenen renne.ch-Buch umzumünzen. Ich glaube, mir und allen Lesern dieses Blogs bewiesen zu haben, dass es keine Diskussionen darüber geben darf, ob die hier veröffentlichten Texte (gerade im Vergleich zu all dem Orthographie-Krebs-erregenden Dreck, den man sonst so zu lesen kriegt) eine Existenzberechtigung haben oder nicht. Und gerade darum muss jetzt – sehr web 2.0 – das Medium gewechselt und eine lange, zusammenhängende Geschichte erzählt werden, in die alles einfliesst; dies nicht zuletzt, damit einen auch Leute ernst nehmen, die nach wie vor meinen, das Internet habe was mit Fischerfesselspielchen zu tun. Das Buch, soviel kann jedenfalls bereits verraten werden, befindet sich in fortgeschrittenerem Stadium. Ich kann mit gutem Herzen sagen, dass das für Anhänger dieses Blogs ein gefundenes Fressen, Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk wird. Und weil die Glanz & Gloria Aufnahmen ebenfalls schon abgeschlossen sind, ist davon auszugehen, dass ich min. zwei von fünf Zielen für 2011 erreichen werde. Ich wünsche Euch allen und mir selber auch eine noch bessere Quote als diese. Alles Gute. Happy new year!
