Buchausschnitt

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Wie bereits erwähnt, die Kindheitsdebatte lässt sich auf meinen Schultern leider nicht führen. Es gibt keine Missstände, im Gegenteil, in meinem Leben welche zu finden hiesse ganz klar, die Schuld für etwas bei den Umständen zu suchen, was ich eigentlich selbst verantworten müsste und verantworten muss. Nicht dass es da sehr viel zu verantworten gäbe, I’m just saying, falls ich mal irgendwelchen Unfug anstelle, dann kann weder das Jugendamt noch der Vormund auftauchen, das Drumherum ist komplett unschuldig, und  meinen Eltern, meinem Quartier oder sonst jemandem kann man nichts davon in die Schuhe schieben. Wenn ich’s verbocke, dann war ich es leider Gottes selber.

Mein Leben lässt sich bis so ca. 18 relativ einfach beschreiben: Ich ging zur Schule und tat, was getan werden musste, tat dies mit unglaublich wenig Aufwand gemessen am Resultat, und erfreute mich ansonsten des Lebens. Schule, das ist ja das schöne daran, hält einen relativ kurzsichtig und wenn man will auch relativ fokussiert, man weiss, Donnerstag ist Mathetest, da muss man diese elende 1. Ableitung dann mal können, und Stochastik auch, kommt man nicht drum herum, und am Freitag gibt’s gleich noch die Lateinvokabeln, Scheisse aber auch, da beginne ich besser gar nicht erst mit dem Kiffen, weil sonst pack ich den Dreck nicht, und wenn ich den Dreck nicht packe, dann schreiben die früher oder später meinen Eltern und fragen die dann, was los sei, und dann beginnen die wiederum nachzuforschen und merken, dass die Herren von der Parallelklasse für unsere Klasse den Stundenausfall gefälscht haben und wir nur darum nachmittags um zwei am See sitzen und eine Isländisch Moos Sucht entwickeln konnten, weil sich zwei adrette Herren vom Realgymnasium darum gekümmert hatten.

Es schien klar: Unter dem Radar zu fliegen ist am unauffälligsten. Und es war eine grossartige Zeit. Horizont maximal eine Woche, Prüfungen nicht aufschreiben, dafür ab und an beim Banknachbar in die Agenda gucken, weil man selber weder eine hatte noch eine führte, die unsicheren Lehrer demontieren und ihnen pubertär die eigene Macht ins Gesicht spielen, die intellektuellen und souveränen Lehrer aber schätzen und dort auch als „aufmerksamer, lernwilliger, guter Schüler“ glänzen, haha. Das Leben war absolut zukunftslos, im positiven Sinne, wir hatten alles noch vor uns und machten uns deshalb darüber auch keinerlei Gedanken, denn schliesslich gab’s Fussball und dann mal die ersten Mädchen, alles sehr souverän und altbacken. Zwar fand die ganze Idylle in städtischen Gefilden statt, aber was hier städtisch ist, findet in Tokyo oder so sehr wahrscheinlich nur gefühlte 100 km vom Zentrum entfernt statt, bzw. kann nur dort stattfinden, der Verkehr, der Lärm, der SMOG, die Sex Offenders natürlich auch, die machen den Tokyotern das jugendliche Rollhockeyspielen auf der Strasse komplett kaputt. Wir jedenfalls konnten, sofern wir denn wollten, und wir spielten auf der Strasse Rollhockey und fühlten uns dabei weder besonders gefährdet noch besonders speziell. Wir hatten Gottvertrauen in das, was kommen würde, und unser Horizont und unser Weltbild rang uns auch nicht mehr ab als das. Wir guckten mal Bundesratswahlen und fühlten uns als wahnsinnig erwachsene Teilnehmer des Soziallebens, in völliger Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass in Zukunft weder diese sieben in Bern grandios was ändern, womit der Bürger nicht umgehen könnte, noch dass wir als Stimmbürger den Laden jemals entscheidend beeinflussen können werden. Aber es war ein Mittwochmorgen, immerhin, Live-Übertragung in der Aula, hohoho, da partizipierten wir selbstredend, nur um mittags wieder an unserer Abhängigkeit von künstlichen Süssgetränken zu arbeiten, die Wahlen vergessen, auch nicht mehr Thema, das war alles weit weg. Jeder von uns wusste: Wenn ich am Mittwoch im Französischtest genügend bin, dann fragt niemand, es geht in die nächste Runde, die nächste Woche, das nächste was auch immer, immer vorwärts, und auf Herbst folgt Winter, dann Frühling und die Abschlussparties und Sommerferien und whoops back to school, diesmal ohne Invicta, dafür mit Droors-Rucksack, das war die grösste Änderung. Wirdschonklappismus halt. Aber eh man sich versah, nahte der Anfang vom Ende, dann nämlich, als man irgendwann beim Abendessen mal gefragt wurde: „Was willst Du eigentlich später mal werden?“ Fuck. Immer dann wenn es am schönsten ist.

Gedanken zum Valentinstag

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Meine Damen und Herren, gestern war es wieder soweit: Blumen und all die erdenkliche Liebe auf Erden, überall rot und Rosen und weiss nicht was, einmal im Jahr eitel Sonnenschein, und dahinter eine MONSTERindustrie, die auf dem Rücken der durch den Sozialdruck gezwungenen Menschen absahnt. Es ist genau dasselbe wie mit Ostern, wie mit Weihnachten, wie mit Halloween, wie mit grundsätzlich all diesen (Feier-)Tagen, um die herum sich ein Markt rankt und die in irgendeiner Form mit schenken und geben (und damit vor allem mit dem vorherigen Einkaufen) zu tun hat: Eigentlich ist alles recht pseudo, man erzeugt in den Menschen eine Emotion, welche ihren Höhepunkt im Ausgeben von Geld (auf welche Art auch immer) findet. Und die Gegenargumentation ist immer dieselbe: “Ich brauche keine Fasnacht, ich kann mich auch sonst betrinken!” – “Ich brauche kein Weihnachten, ich kann auch sonst was schenken!” – “Ich brauche keinen Valentinstag, ich kann meiner Freundin auch sonst zeigen, dass ich sie liebe!” Und das ist alles auch wahr. Nur:

Beim Betrunkensein hinkt die Argumentation, da sagen alle einfach: Letzten Samstag! Aber sonst: Wieviel schenken Sie denn tatsächlich? Wie häufig zeigen Sie Ihrer Freundin oder Ihrem Freund, dass Sie sie oder ihn lieben? Findet das wirklich so häufig statt? Ich weiss jedenfalls, dass ich persönlich ab und an recht froh bin um eine “Erinnerung” daran, dass ich “meinen” Leuten mal wieder zeigen sollte, dass sie meine Leute sind. Nicht weil ich diese Leute nicht jeden Tag schätze, aber weil ich ab und an vergesse, das zu zeigen. Ohne Geburtstage und ähnliche Events müsste jedenfalls ich mir Termine in meiner Agenda speichern, irgendwelche random Jahrestage, da käme dann eine Erinnerung auf dem Handy, die mir mitteilen würde: “Heute endlich mal wieder Deiner Mutter…” oder “Dude, die Zigarren für  Deinen Vater sind seit min. 4 Wochen überfällig” oder “Reminder: Deine Freundin mag Rosen immer noch”. So dumm sind diese Fixdaten also gar nicht. Und darüber aufregen darf sich eigentlich nur, wer seine Pflichten in dieser Hinsicht auch sonst wahrnimmt. Alle anderen sollten dem Valentin wohl dankbar sein.

Buchausschnitt: 80er Babies

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Anmerkung: Wer jetzt nicht kommentiert, ist eine Ratte.

Ich lebe in irgendeiner Stadt in diesem kleinen Land, in dem die Banken schweigen, die Uhren präzis gehen und seit neuestem erwiesen ist, dass es einen Zehntel der weltweiten Millionäre beherbergt. In welcher Stadt ich genau lebe ist egal, vom Mond aus sind sie alle nicht erkennbar, und zwischen ihnen liegen Distanzen, die man an anderen Orten dieser Welt zurücklegen muss, um von einem Ende EINER Stadt zum anderen Ende DERSELBEN Stadt zu kommen. Immer wenn ich in einer solchen Stadt im Ausland bin und Leute von dort treffe, habe ich das Gefühl, ich täte gut daran, möglichst schnell dieses Kleinnest, in dem ich lebe, zu verlassen und endlich mal irgendwohin zu ziehen, wo die Kacke am dampfen ist und man das Gefühl, man könne vom eigenen Wohnzimmer aus das Arschloch des Planeten von blossem Auge erblicken, endlich mal los wird. Dorthin, wo das Leben spielt. Dorthin, wo man sich wichtig fühlt, nicht unbedingt wichtig ist, aber wo man sich selber wenigstens entsprechend belügen kann. Schliesslich lautet die Devise Reinkommen, rein in den Strom, rein in den Fluss, rein ins LEBEN, denn mit dem Leben ist es wie bei der Swedish House Mafia mit den Bässen: Man will sie nicht nur hören, man will sie FÜHLEN. Aber in so einer Kleinstadt hat man nicht das Gefühl, das Leben zu fühlen, ja überhaupt für das Leben und den Weltengang an sich eine Rolle zu spielen, und je weniger ich das Gefühl habe, für das Leben und den Weltengang an sich eine Rolle zu spielen, desto weniger bin ich drin. Und wenn ich nicht drin bin, dann stellen sich Grundsatzfragen. Die sind immer ungesund.

Ich könnte mir jetzt für diese Geschichte einen Namen geben, irgendwas cooles oder flippiges oder sogar witziges, z.B. Elvis oder Kevin oder Mr. T oder so, aber nein, mein Name tut nichts zur Sache, denn er steht nicht für irgendwas grösseres, kein Nickname mit einer witzigen Geschichte, keine Geheimhaltung wegen ausländischer Geheimdienste, kein Wikileaks, kein gar nichts, ich heisse halt einfach so, wie ich heisse. Vielleicht hätten meine Eltern an den 68ern teilnehmen sollen, so wie bei Facebook, einfach die Einladung bestätigen, hingehen, Pott rauchen und Freaks werden. Dann hätte ich jetzt vielleicht einen witzigen Namen. Aber so ist alles normal, alles so wie immer, die Standardausrede “Klar kommt der so raus, bei DER Kindheit!” kann ich gleich mal vergessen. Kacke.

Ich bin einer dieser Typen aus den Frühachtzigern. Wir 80er-Babies sind in vielerlei Hinsicht sehr problembehaftete Menschen: Unsere Väter haben sich kaputt gekrüppelt, wenn sie nicht schon reich waren. Wenn sie schon reich waren, haben die 80er Babies ihr  Geld auf irgendwelchen Privatschulen verschleudert und sind früher oder später so harte Grasraucher geworden, dass Bob Marley sie gesiezt hätte. Ihre schon reichen Väter waren meist gescheit und wüst, ihre Mütter (d.h. die Frauen von diesen schon reichen Vätern) dumm, oberflächlich und schön, und in dieser Kombination zwangen die reichen Eltern unserer Generation ihre Bälger durch irgendeine Noblesse-Dorée-Hölle, am besten in einer Schule irgendwo in den Bergen, die jemand seinem Kind nur antut, wenn er es nicht übers Herz bringt, vor den anderen Golfaffen zuzugeben, dass sein Kind halt nicht so, nun ja, ähem.

Wir als Kinder der Nichtreichen, sich kaputtkrüppelnden Väter sahen die ganz Reichen und beneideten sie zwar nicht, verloren aber dadurch den Blick für das, was wir schon hatten, und straften unsere armen Väter mit Undankbarkeit für die fehlende Villa ab. Gleichzeitig hatten wir aber genug Wohlstand für eine gewisse Trägheit, wir hatten begründetes Vertrauen in die Zukunft, sogenannten Wirdschonklappismus, niemand hatte Angst vor leeren Vorratskammern. Ein Horror für unsere Väter, die zwar noch nicht reich waren, die es aber werden wollten und darum noch gelernt hatten, was richtiges Arbeiten bedeutet: sie standen Töchtern und Söhnen gegenüber, die entweder mit gefühltem Undank auf ihren bereits schicken Ledersessel spuckten und möglichst schnell einen solchen von Le Corbusier wollten, oder aber die vollkommen saturiert irgendeinem Hobbystudium nachgingen, z.B. Politologie oder Philosophie oder so, was dann natürlich in den Augen der immer noch Schnauz tragenden Väter relativ unwürdig daherkam und den Rückschritt in eine neue Armut oder gleich in den Sozialismus bedeutete, schliesslich hatten diese verdienten Herren ja noch erlebt, wie man Haferflocken ohne Milch konsumierte und der Feind gleich auf der anderen Seite der Grenze, jaja.

Ich glaube, ich war einer dieser undankbaren. In Ignoranz gegenüber dem, was man schon hat, wollte und will ich einfach mehr. Wer die Prasserei und den Kapitalismus in Rapvideos verteufelt, der überlegt zu eindimensional: Es stimmt einfach, dass es sich in einem Maybach angenehmer cruisen lässt als mit der SBB, wer das bestreitet, hat Obsttaschen am Liegefahrrad oder ist schlichtweg ein Lügner. Und unsere Väter hatten dafür gesorgt, dass wir tatsächliche Karriere-Optionen hatten: Wir konnten Medizin studieren oder direkt zur Bank gehen oder in Genf oder Bern einwenig soziopolitisieren und trotzdem nicht im nirgendwo enden, wir hatten Opportunitäten, verschiedene Wege, die alle nach Rom führen konnten. Nur brauchen diese Wege viel Geduld, und während Herr Geissen aus dieser übergeilen RTLII-Show “Die Geissens” mit 28 Millionär war, wird man dafür auf der klassischen Karriereleiter mal locker vierzig Jahre alt. So lange können wir aber nicht warten, wir wollen ran, ran an die Möpse quasi, an die Schalthebel, ans Steuerrad, von mir aus auch an die Fleischtöpfe (zur Hölle, VOR ALLEM an die Fleischtöpfe). Aber weil man sich unterwegs zu den Fleischtöpfen in Geduld üben muss, machen wir einfach das, was jeder vernünftige Mensch macht: wir halten den Kopf unten und erledigen, was verlangt wird. Und die ganz gescheiten unter uns gehen sich ab und zu betrinken. Auch mal montags. Why not.

Mein Wecker & ich

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Meine Damen und Herren, währenddem andere Exponenten zurecht durch Japan cruisen und sich vor Begeisterung weniger einkriegen als 18-jährige Sprachstudenten an der Westküste Australiens (fürs First waren die da), und währenddem wiederum andere sich an ihre Armeewaffe klammern wie Stripperinnen an die Pole, steht unsereins jeden Morgen artig auf und wickelt die letzten vier Wochen Praktikum ab. Ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel stellt dabei der gute alte Wecker dar, der verhindern soll, dass man erst dann zur Arbeit eintrifft, wenn andere sich bereits zum dritten Mal am Tag die Haare kämmen und die Krawatte richten. Und wer jetzt denkt, dass ein Wecker in jedem Haushalt x-fach vorhanden ist und darum wohl nicht das Subjekt eines spektakulären Blogeintrags darstellen kann, der sei gewarnt. Ein Wecker ist grundsätzlich nichts revolutionäres, aber die Generation Smartphone scheint damit ihre Probleme zu haben:

Wie kurz nach Silvester zu lesen war, hat Steve Jobs’ viereckiges Monstrum (no wifey) erhebliche Mühe mit dem Jahreswechsel bekundet und die willigen iPhone-Besitzer mal drei Tage lang liegen lassen. Es ist aber nicht so, dass das ich-Telefon das einzige wäre, das in dieser Hinsicht Schwierigkeiten aufgibt: Mein persönliches Zellentelly, Marke Nokia, klingelt z.B. nur dann, wenn ich es über Nacht NICHT einstecke. Ansonsten bleibt es lautlos (weil es eingesteckt ist; die Logik hinter “Kabel rein” und “lautlos” erschliesst sich mir bis heute nicht, im Normalfall stecke ich elektrische und elektronische Geräte ein, damit sie gerade NICHT lautlos sind, aber nun denn). Um dieser Misere auszuweichen, muss man das Telefon in den sogenannten “Draussen”-Modus stellen (Sidenote: Welcher Fool benennt eigentlich diese  Telefonprofile?!?). Falls man dann aber nachts (z.B. aus Japan oder so) E-Mails oder ähnliches kriegt, klingelt das Ding lauter als Joe Ackermanns Portokasse und lässt einen im Bett Regentänze vortragen. Lösung: man muss das Ding ausschalten. Also: Einstecken. Auf Draussen. Wecker programmieren. Ausschalten. Und weil man bei so vielen anstrengenden Schritten auch mal den einen oder anderen vergisst und das dann bitter bezahlt, bin ich inzwischen die ganze Nacht so schizophren gepolt, dass ich regelmässig VOR dem Klingeln meines Weckers aufwache. Read: Ich muss um viertel nach sechs raus, gehe im Schnitt viel zu spät ins Bett, bin darum regelmässig müde und kaputt wie Anton,  und wegen der ganzen Bollocks mit dieser blöden Weckfunktion hat meine innere Uhr übernommen, und ich öffne deswegen also bereits um sechs Uhr die Augen. Die Situation ist ironischer als Heissmetall. Ich glaube, wenn ich das alles mal durch habe, lege ich Armbanduhr und Handy zur Seite und züchte im Süden Thailands mal ein paar Jahre Gnus oder so was.

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