Buchausschnitt
February 21, 2011 Vermischter Schwachsinn 2 CommentsWie bereits erwähnt, die Kindheitsdebatte lässt sich auf meinen Schultern leider nicht führen. Es gibt keine Missstände, im Gegenteil, in meinem Leben welche zu finden hiesse ganz klar, die Schuld für etwas bei den Umständen zu suchen, was ich eigentlich selbst verantworten müsste und verantworten muss. Nicht dass es da sehr viel zu verantworten gäbe, I’m just saying, falls ich mal irgendwelchen Unfug anstelle, dann kann weder das Jugendamt noch der Vormund auftauchen, das Drumherum ist komplett unschuldig, und meinen Eltern, meinem Quartier oder sonst jemandem kann man nichts davon in die Schuhe schieben. Wenn ich’s verbocke, dann war ich es leider Gottes selber.
Mein Leben lässt sich bis so ca. 18 relativ einfach beschreiben: Ich ging zur Schule und tat, was getan werden musste, tat dies mit unglaublich wenig Aufwand gemessen am Resultat, und erfreute mich ansonsten des Lebens. Schule, das ist ja das schöne daran, hält einen relativ kurzsichtig und wenn man will auch relativ fokussiert, man weiss, Donnerstag ist Mathetest, da muss man diese elende 1. Ableitung dann mal können, und Stochastik auch, kommt man nicht drum herum, und am Freitag gibt’s gleich noch die Lateinvokabeln, Scheisse aber auch, da beginne ich besser gar nicht erst mit dem Kiffen, weil sonst pack ich den Dreck nicht, und wenn ich den Dreck nicht packe, dann schreiben die früher oder später meinen Eltern und fragen die dann, was los sei, und dann beginnen die wiederum nachzuforschen und merken, dass die Herren von der Parallelklasse für unsere Klasse den Stundenausfall gefälscht haben und wir nur darum nachmittags um zwei am See sitzen und eine Isländisch Moos Sucht entwickeln konnten, weil sich zwei adrette Herren vom Realgymnasium darum gekümmert hatten.
Es schien klar: Unter dem Radar zu fliegen ist am unauffälligsten. Und es war eine grossartige Zeit. Horizont maximal eine Woche, Prüfungen nicht aufschreiben, dafür ab und an beim Banknachbar in die Agenda gucken, weil man selber weder eine hatte noch eine führte, die unsicheren Lehrer demontieren und ihnen pubertär die eigene Macht ins Gesicht spielen, die intellektuellen und souveränen Lehrer aber schätzen und dort auch als „aufmerksamer, lernwilliger, guter Schüler“ glänzen, haha. Das Leben war absolut zukunftslos, im positiven Sinne, wir hatten alles noch vor uns und machten uns deshalb darüber auch keinerlei Gedanken, denn schliesslich gab’s Fussball und dann mal die ersten Mädchen, alles sehr souverän und altbacken. Zwar fand die ganze Idylle in städtischen Gefilden statt, aber was hier städtisch ist, findet in Tokyo oder so sehr wahrscheinlich nur gefühlte 100 km vom Zentrum entfernt statt, bzw. kann nur dort stattfinden, der Verkehr, der Lärm, der SMOG, die Sex Offenders natürlich auch, die machen den Tokyotern das jugendliche Rollhockeyspielen auf der Strasse komplett kaputt. Wir jedenfalls konnten, sofern wir denn wollten, und wir spielten auf der Strasse Rollhockey und fühlten uns dabei weder besonders gefährdet noch besonders speziell. Wir hatten Gottvertrauen in das, was kommen würde, und unser Horizont und unser Weltbild rang uns auch nicht mehr ab als das. Wir guckten mal Bundesratswahlen und fühlten uns als wahnsinnig erwachsene Teilnehmer des Soziallebens, in völliger Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass in Zukunft weder diese sieben in Bern grandios was ändern, womit der Bürger nicht umgehen könnte, noch dass wir als Stimmbürger den Laden jemals entscheidend beeinflussen können werden. Aber es war ein Mittwochmorgen, immerhin, Live-Übertragung in der Aula, hohoho, da partizipierten wir selbstredend, nur um mittags wieder an unserer Abhängigkeit von künstlichen Süssgetränken zu arbeiten, die Wahlen vergessen, auch nicht mehr Thema, das war alles weit weg. Jeder von uns wusste: Wenn ich am Mittwoch im Französischtest genügend bin, dann fragt niemand, es geht in die nächste Runde, die nächste Woche, das nächste was auch immer, immer vorwärts, und auf Herbst folgt Winter, dann Frühling und die Abschlussparties und Sommerferien und whoops back to school, diesmal ohne Invicta, dafür mit Droors-Rucksack, das war die grösste Änderung. Wirdschonklappismus halt. Aber eh man sich versah, nahte der Anfang vom Ende, dann nämlich, als man irgendwann beim Abendessen mal gefragt wurde: „Was willst Du eigentlich später mal werden?“ Fuck. Immer dann wenn es am schönsten ist.


