Göttliche Ignoranz
July 21, 2010 Vermischter Schwachsinn 12 CommentsMorgens und/oder abends Zugfahren, das ist ja grundsätzlich mal besser als jeder Kinofilm der Welt, meine Damen und Herren. Pendler (und ich meine nicht die, die unsere Schultern behandeln, wenn die Schulmedizin nichts mehr bringt) sind ein Volk für sich, sehr vielfältig, grundsätzlich höchstnervig, aber sie lassen einen nie kalt, und wer mit der nötigen Distanz und Ironie gegenüber seinem eigenen Leben und dem sich darauf eingebildeten Wichtigsein morgens in den Zug steigt, nur um dann in einer anderen Stadt einwenig den Businesskasper zu machen, der kann im Pendlerzug mehr Spass haben als Gelsenkirchener Prolls auf Malle. Und bevor Sie Angst haben, dass der Emmster jetzt ebenfalls Pendlergeschichten erzählt, so wie das ca. 25 Blogs der Schweiz machen (also 90% der Blogs überhaupt), lassen Sie sich gesagt sein, dass die Geschichte hier erzählt werden muss.
Ich besteige also heute morgen um 07.05 den Zug im bösen Glauben, es hätte da kaum mehr Platz, denn das Ding musste ja fünf Minuten später den Bahnhof verlassen, und mit den Pendlern ist es wie mit dem FC Liverpool, they never walk alone. Ich steige also in einen Wagen, der ist aber auffällig einseitig besetzt, zuerst mal voll, aber die untersten zwei Viererabteile bleiben frei, und als ich da vorbeilaufe und dieses eine Touripaar mit zusammen 8 (!) Koffern erblicke bzw. errieche, weiss ich auch warum. An Absitzen ist also nicht zu denken, schnell weiter.
Nächster Waggon, irgendein übergewichtiger Deutscher erklärt quer durch den Zug seinem Kollegen, wie er das mit seiner Homepage und dem ganzen “CSS-Embedding” jetzt schlussendlich hingekriegt hätte. Dazu trägt er ein Headset, ein speckiges T-Shirt und kurze Hosen. Auch hier gilt “Reise nach Jerusalem” in umgekehrter Form: wer sitzt, der hat verloren.
Waggon No. 3, endlich Ruhe, praktisch ausschliesslich ausdruckslose, kaputte, müde Gesichter mit weissen Hemden und Krawatten, die sich auf einen neuen Tag des Wichtig-tun-aber-unwichtiges-tuns vorbereiten – da gehöre ich hin. Schnell hingesetzt, Zeitung hervorgekramt, sich bequemiert, der Tag scheint gut zu starten. Gegenüber ist noch ein einziger Platz frei. Und in dem Moment, in dem alle meinen, der bliebe unbesetzt, weil der Zug inzwischen losrollt, kommt (und das ist jetzt kein Witz) ein offensichtlich äusserst souveräner zirka Zehnjähriger, Cap im Nacken wie Bazooka Joe, kurze Hosen und T-Shirt und ausgerüstet mit einem Etnies-Schuh, um die Ecke gesteuert, fragt, ob der Platz dahinten noch frei sei, setzt sich irgendwo zwischen die Businesssuits, nimmt seinen iPod hervor und
dröhnt in einer den ganzen Wagen unterhaltenden Lautstärke die neue Eminem-Platte.
Die Suits sind irritiert, niemand sagt etwas, und als wäre das Klischee nicht schon schön genug, nimmt das Kid doch tatsächlich ein “Lustiges Taschenbuch” aus seinem Rucksack und vertieft sich da hinein, während ich aus 5 Metern Distanz jedes Wort von Space Bound bis zu mir hören kann. Ein totaler Aufreger. Und das Schöne an der Sache war, dass der Junge das weder extra gemacht noch provokativ gemeint hat, nein, er hat den anderen Fahrgästen einfach ohne zu überlegen seinen (eigenen) Lebensfilm aufgedrückt. Das, meine Damen und Herren, ist dann echter, genuiner Widerstand. Und ja, heute fand ich das auch lustig. Mal gucken, wie es sich morgen anfühlt.



