Griot – Rücktritt vom CH-Rap
August 19, 2010 8:37 am Vermischter SchwachsinnOkay, meine Damen und Herren, 15 Minuten Texting müssen zu diesem Thema stattfinden:
Wie gestern in unser aller liebstem Pendlermagazin zu lesen war, hört Basler Raplegende Griot per sofort mit dem Rappen auf. Nach dem Majorrelease “Strossegold”, das irgendwie 2005 auf den Markt kam, dem nachfolgenden Mixtape “Strosseparade” und dem im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichten “miCH”, auf welchem Griot bereits androhte, zurückzutreten, wenn das Album seine Erwartungen nicht erfülle, zog der Rapper jetzt die Konsequenzen und verabschiedet sich offiziell vom Schweizer Rapzirkus. Im Artikel von 20minuten beklagt Griot mangelnden Respekt als Künstler und sagt, der “Kantönligeist” zerfresse alles, weil Leute in Zürich und Bern keinen Basler feiern könnten und umgekehrt. Darüber hinaus werde er musikalisch regelmässig in die “Gangsterrapschublade” gesteckt. Dazu folgende Gedanken:
Ich habe Griot als einen Rapper miterlebt, der erhobenen Hauptes und gegen egal welche (szeneninternen) Widerstände seinen Weg geht. Griot war immer der schlimme Finger dieses Spiels – der rappte schon problemlos und ohne Gesichtserrötung über Bitches, als wir zu Hause noch Kopfhörer aufsetzten, damit Mami die englischen Fluchwörter nicht hört. Über all die Jahre hinweg hat Griot immer bewiesen, dass er straight ist und kein Problem damit hat, seine Meinung zu sagen – es gibt genug andere Rapper, die davon wissen und Griots lyrische Wut zu spüren bekommen haben.
Mit dem Signing beim Major Label Universal aber änderte sich in meinen Ohren auch Griots Rap. Er war nachher zwar nicht weniger hart oder weniger direkt, aber sein Rapstyle wurde weniger roh, so als wäre er weniger hungrig. Man kann dem entgegnen, dass sich jeder Künstler weiterentwickelt, aber ich glaube nicht, dass dies eine “innere”, vom Künstler so unbedingt gewollte Entwicklung war. Mir drängen sich Vergleiche mit Styles P auf: Früher war Griot geraderaus, straight, er war “all talent no education“, und wenn sich mal eine Zeile nicht reimte, dann fuck it, Delivery war immer da. Aber als es dann darum ging, den grossen Hit zu landen und Leute in speckigen A&R-Hemden die “Verkaufstauglichkeit” von Griots Sachen beurteilen mussten, verlor die Sache irgendwie die notwendige Unbekümmertheit. Da waren plötzlich Flows und Schemata, die man schon anderswo gehört hatte, die man kannte und die so irgendwie nicht auf und zu Griot passten. Vergeicht mal “Real” mit “Movement”, dann wisst Ihr, was ich meine. Die Majorsituation bedingte also einen Wandel der eigenen Musik, hin zum schwierigen Spagat, mit dem Streetding kommerziell Welle zu schieben. Soweit ich weiss, hat das in der CH bisher noch niemand geschafft, und das wird wohl auch nie jemand schaffen. In diesem Sinne scheint sein neues Album “miCH” nur eine Fortsetzung einer viel früher getroffenen Entscheidung, nämlich dem Versuch, mit (urbaner) Musik in der Schweiz Geld zu verdienen, nur diesmal noch kommerzieller als vorher. Gleichzeitig aber ist es ein weiterer Schritt Griots weg von seinen musikalischen Wurzeln. Wurzeln, die der Hörer, wenn er sich denn für einen Künstler interessiert, eben immer im Hinterkopf hat.
Gleiches gilt für das Strassenrap-Argument: Griot und sein Partner in Crime Lukee haben zu “Strossegold”-Zeiten wohl eine der wohl aggressivsten Promowellen der CH-Rap-Geschichte geschoben. Sie selber haben Griot als harten Strassenrap (was er auch war) vermarktet, haben ihn in diese Ecke gestellt und versucht, damit einen Gegenpol zum damals bekannten, elterntauglichen Schweizer Rap zu bilden. In diesem Sinne verwundert es nicht, dass Griot heute in die Gangsterrapecke geschoben wird: man hat ihn auch zu einem Vertreter desselben hochstilisiert. Und das Präsentieren halbnackter Oberarme, bei denen Roberto Carlos froh wäre, es wären seine Oberschenkel, lassen einen dann halt auch nicht unbedingt als neuen Mahatma Gandhi rüberkommen und machten die Aufgabe, “miCH” zu promoten, wohl äusserst schwierig, egal wie berechtigt dieser neugefundene Anspruch, ein “reifer Künstler” zu sein, auch sein mag. Die Schweiz trägt das ihrige dazu bei: sie ist langsam in der Rezeption von Marketing, und wenn man dann mal sein Image weg hat, dann ändert sich das auch nicht mehr, Gruss an Francine Jordi.
Was bleibt ist ein fader Nachgeschmack: (Wieder) ein hochtalentierter Rapper, der trotz besten Voraussetzungen die Kommerzkurve nicht so richtig gekriegt hat. Der seit Vorhandensein dieser Voraussetzungen evtl. aber auch zu intensiv (und zu hörbar) nach dieser Kurve gesucht hat. Und, ja, zugegeben: ein weiteres Opfer des behinderten Lokalpatriotismus, der hier alles verhindert. Irgendwie hat man das kommen sehen. Trotzdem ist es schade.



August 19th, 2010 at 10:26 am
[...] Emm hat auf seinem Blog eine verdammt gute Analyse von Griot’s Karriere und Wirkung und Rapper vs. Majors [...]
August 19th, 2010 at 11:49 am
Wieder einmal treffend.
Meiner Meinung nach hat Griot seit seiner Umbenennung von Mory zu Griot schon abgegeben. Von Griot waren nur noch die Killertapes wirklich gut. Aber kein Album/Mixtape war mehr auf der Höhe von dem Album “s’neue Testament”… (Warum?)
Immerhin hat er damit das beste Schweizer Rapalbum bis heute abgeliefert. Eine Träne nachweinen werde ich ihm aber auch nicht.
August 19th, 2010 at 11:55 am
PS. Der Rücktritt-vom-Rücktritt-Move aka. Jigga-Move funktioniert auch nur bei Jay… Wäre also auch ausgeschlossen.
August 25th, 2010 at 2:23 pm
Ich halt mich diesmal kurz:
Ist derselbe Lukee (Luki Wyniger) nicht auch sein A&R bei Universal Music? Dann wäre halt interessant, an welchem Punkt hier der Kompromiss gemacht wurde, wenn einer quasi seinen eigenen Busenfreund bei Universal hat, einen Vertrag kriegt und sich dann seine rauhe Seite verliert. – Und darauf “zurücktritt”. Vielleicht hatte ja auch das Label das letzte Wort dazu?
Ausserdem find ich nicht, dass in der CH Raphörerlandschaft ein besonders grosser Kantönligeist herrscht. In Basel ist Berner Rap z.B. riesig. Und das sicher nicht nur weil Greis hier wohnt. Auch die Wrecked Mob-Leute kommen hier gut an, so weit ich das beurteilen kann. Mag sein, dass man nicht alles so unmittelbar mitkriegt, was woanders läuft, aber bei Mory war wohl eher der Grund, dass er in Basel nicht in der typischen Szene mit drin war, wo alle jeden kennen. Dann war er eine Zeit lang eher in ZH unterwegs. (Opening act für Edo G und J-Live im Millers Studio noch bevor man in Basel wusste, wer er war. – Ausser ich, natürlich.) Ich glaub, sein Aussenseiter-Dasein allgemein dürfte dafür gesorgt haben, dass viele nicht auf ihn aufmerksam wurden. Neue Rap-Acts werden dem Publikum ja traditionell durch featurings bei etablierten Acts vorgestellt.
(Und dann sein Vorwurf, weil er etwas dunkler sei, hätte man seine Platte nicht gekauft… Echt? Kann mal jemand Samurai oder Nega fragen, ob sie das auch so sehen? Ich hab da meine starken Zweifel.)
August 25th, 2010 at 2:40 pm
@leaveyour9@home:
Nein, Lukee war nie bei Universal, der war und ist bei Warner Music und also nur Griots Manager “im Nebenamt”. Griot hat das Label Universal 2008 verlassen, nach einer Differenz mit Roman Camenzind und Bligg.
Das traditionelle Vorstellen von Acts via Featuring funktioniert in meinen Augen heute nur noch bedingt. Mir fallen wenige ein, die heute noch “dadurch” gross werden. Mory ist und war sicher immer einwenig an der Seitenlinie der Szene, auch weil ihn der ganze Szeneschwachsinn zurecht nicht interessiert hat. Und die Szene hat zwar weniger Kantönligeist, aber sie kauft keine CDs. Vor dem Schweizer-Illustrierte-Level läuft sehr vieles über einfach Identifikationsmerkmale wie Dialekt u.ä. Bitter, aber wahr.