Baba Uslender
January 11, 2012 Vermischter Schwachsinn 8 CommentsSehr geehrte Damen und Herren, ich liebe ja dieses Wechselspiel zwischen Kommentatoren und meiner Wenigkeit: wie gesagt, wenn mir jemand mal ein gutes Thema vorschlägt, dann nehme ich mir durchaus die Zeit und verfasse hier die Zeilen, die meine Meinung zu besagtem Thema wiedergeben. Solange allerdings niemand darum bittet oder nachfragt, mache ich das, was ich aktuell tue: mein Ding, aka der Blog bleibt tot.
Nun ist gestern abend aber die wunderbare Anfrage zu einem Statement zu Baba Uslender reingekommen. Baba Uslender, aktueller Internetüberhype, Gewinner des Radio 3fach Kick Ass Awards (Danke dafür alleine, mein Mann, endlich mal!), grosser Homeboy meines Homeboys Effe aka Effe Ramazzotti und, ja, wenn man so will, Luzerner Rapper der Stunde. Wer down ist mit Baba, hat am nächsten Tag 30 Freundschaftsanfragen auf Facebook. Dazu, also zu diesem Herrn, soll ich jetzt also ein Statement abgeben. Und ich bin dankbar um diese Aufforderung, denn Baba Uslender gibt mir indirekt die Gelegenheit, etwas loszuwerden, was ich schon länger mal niedertippen wollte und was längst nicht ausschliesslich mit Rap zu tun hat, aber was sich an Rap wunderbar aufzeigen lässt:
Was die Schweizer nämlich in 700 Jahren plus ein paar zerquetschte Landesgeschichte NIE, ich betone: NIE!!! richtig hingekriegt haben (nebst nachhaltig guten Mannschaftssportteams und guten Fernsehmoderatoren), ist gutes Entertainment. In all der Bankenlandverkrampfung haben wir es bis heute nie geschafft, uns in unserem Selbstbildnis zwischen Krampfadern, Sex nur bei Licht aus und Hemd bitte in der Hose und das auch am Weekend, in unseren Grundzügen mal locker genug zu machen, um guten Humor und gute Unterhaltung zu produzieren. Wir sind nie so weit gekommen, dass ein politisch inkorrekter Witz trotzdem lustig ist, weil er eben lustig ist. Symbolisch für uns alle steht wohl Viktor Giacobbo (die Speerspitze des Helvetenhumors, was für ein Zeugnis… ): Wir geben uns gerne vordergründig easy, doch wir sind es selten, und unsere Witze sind spiessiger als all die Leute, über die wir uns total voraussehbar und klischiert lustig machen. DAS, meine Damen und Herren, ist unser Problem, und dort liegt der Hund begraben in dieser ganzen Entertainmentlandschaft. Wer sich in diesem Land in dieser Industrie bewegt, hat ständig die berechtigte Angst, aufgrund seiner eigenen (eventuell vorhandenen) Originalität ausserhalb des Spektrums von Humor zu liegen zu kommen, das Herr und Frau Schweizer ertragen, ohne entweder rot zu werden oder gleich den Mahn- und Drohfinger zu erheben. Dementsprechend eingemittet und sowohl ecken- als auch kantenlos präsentiert sich denn auch der Grösstteil unserer Künstlerschaft: Schweizer Musiker singen und sprechsingen schön korrekt in der politischen Mitte der Schweizer Illustrierte (Gruss mal wieder an Martha aus Möriken, Abonnentin seit 15 Jahren!), Schweizer DJs cutten ganz vorschriftsgemäss, haben brav die Blumentopfschen Hausaufgaben verrichtet (mal schön mit den Babyscratchvideos angefangen auf Youtube) und loben steif die guten alten Zeiten und die Golden Era, und das ist alles so voraussehbar und erwartungsgemäss, dass einem das Gesicht einschläft. Schweizer Rapper bemühen an irgendwelchen Freestylebattles sogenannte “Doppelreime”, davon kriegen sie leichtes Holz zwischen den Beinen, und dann behomoen sie sich stundenlang über Flows und ähnlich irrelevante Themen und reden auch in der Freizeit gerne über nichts anderes, aber wundern sich dann, dass sie verkehrslos bleiben und sich zu zehnt um zwei Halbfrauen mit New Era Caps streiten, weil das Zeug niemanden (mehr) interessiert. Die Begründung ist simpel: Am Ende des Tages - das ist im Rapbattle so, aber eben auch im Entertainmentgame insgesamt – gewinnt eben nicht der bessere Flow, sondern der (gesamthaft) bessere Entertainer. Gewinnen tut das, was mehr unterhält, nicht das, was technisch einwandfreier ist. Dabei ist der Weg zu diesem Ziel, so doof es klingt, eben egal und zweitrangig: Jemand kann entertainen mit seinen Looks, oder mit seinem Talent, oder mit komisch-spastischen Bewegungen, es ist völlig gleichwertig. Und genau darum fällt dieses Statement zu Baba Uslender schlussendlich viel einfacher und schnörkelloser aus, als es viele wohl erwartet hätten und es nimmt sich gar keine Zeit, auf irgendwelchen technischen oder sonstigen Firlefanz einzugehen: Wenn ich mir den “Baustellsong” anhöre, dann muss ich lachen. Den höre ich durch, den höre ich mehrmals, und dann finde ich den noch witziger als beim ersten Mal, und beim nächsten Baba-Ding klicke ich folglich automatisch wieder drauf, weil der Typ für gutes Entertainment steht. Mir ist egal, ob das, was die Herren da erzählen, politisch korrekt ist, ob das am Ende satirisch ist oder nur Verarschung, oder vielleicht sogar Produkt von viel weniger angestrengten Überlegungen als all die Kritiker der ganzen Sache attestieren wollen. Hauptsache und einzig relevantes Kriterium ist: Ich werde gut entertaint, während siebeneinhalb Minuten. Und da liegt dann wohl auch der Hauptunterschied zum Grösstrest der Entertainmentindustrie.


