Meine Damen und Herren, die CH-Rap-Diskussionen, die einigen sich ebenfalls für zu wichtig haltenden Leuten sicher schon arg auf den Geist geht, muss in die nächste Runde gehen, denn: Der Mann Dabu, seines Zeichens Frontmann von Dabu Fantastic, hat hier auf meine Bitte eine Replik zum ganzen Thema verfasst:
http://youngandfantastic.blogspot.com/2010/03/gedanken-zur-generation.html
Einen Text, den Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich unbedingt zu Gemüte führen sollten, denn er widerspiegelt auf eigentümliche Art und Weise und, wie ich glaube, ohne das eigentlich zu wollen (no offense, Herr Dabu!;-)) genau meinen Gedankengang:
Wir sind uns alle einig, dass die Schweiz ein kleiner Musikmarkt ist. Ebenso einig sind wir uns also, dass jemand, der kommerziell erfolgreichen Rap Musik (und nicht nur für sich und die Crew) machen will, entsprechende Konzessionen eingehen muss, um überhaupt potenziell (und nur potenziell) genug Leute zu erreichen, die das Produkt dann kaufen: wenn ein Ami nur eine Zielgruppe erfasst, die dumm wie Brot und zwischen 18 und 22 ist, dann kann man damit immer noch easy Platin gehen. Wenn man in der Schweiz nur die 18- bis 22-jährigen anspricht, ist es bei der Vielzahl der Geschmäcker schon fast unmöglich. Sprich: Wer in der Schweiz gross werden will, der muss von 12 bis 45 alles abdecken, und am besten noch von Hip Hop bis Luftgitarre. Das machen in der Schweiz aber nur zwei Rapper, nämlich Stress und Bligg. Bis hierhin scheint alles logisch, aber jetzt kommt die in meinen Augen entscheidende Wende im Vergleich zu Dabus Äusserungen:
- Es stimmt, dass viele zu schlecht sind, aber da unterscheidet sich Rap kaum von anderen Musikrichtungen. Nur, und das sagt Herr Dabu ja auch, ist es bei “uns” so, dass jeder sich an ein Mikro wagt, während man für andere Musikstile “mehr” mitbringen muss: man muss Gitarre spielen können, man muss singen können etc., IRGENDWAS muss man beherrschen, um sich überhaupt zu trauen, das Wagnis von, sagen wir, Rock anzugehen. Bei uns können die meisten nichts, nicht mal texten, und wenn sie ein paar Reime schreiben können, dann – wie wahr, Herr Dabu, wie wahr – sagen sie nichts, zumindest nichts, mit dem sich die Leute identifizieren können. Nur: Aus dieser Logik heraus resultiert zwar, dass es bei uns viel (evtl. mehr) Bullshit gibt als in anderen Genres, es resultiert daraus aber NICHT, dass die wenigen, die gut sind, nicht trotzdem wirklich was reissen könnten. Womit wir wieder bei meinem Uransatz wären: würde jemand für den ganzen Dreck, z.B. immer der “Stammeshäuptling” in seinem Stamm Indianer, eine Art “Filterfunktion” wahrnehmen und aus den zehn wollenden Kiddies mal die, die nicht können, rausstreichen, und würden die restlichen 3 Kiddies dann musikalisch geleitet und erzogen, so bin ich mir sicher, dass der Output an erfolgreichen und respektierten Alben trotzdem grösser wäre als jetzt, egal ob jetzt Platin oder “nur” 10′000 Einheiten (was schon seit ewig niemand mehr gerissen hat ausser den üblichen Verdächtigen und Sektion Kuchikäschtli und Gimma. Im Resultat ist also die Masse an Bullshit nicht entscheidend, sondern der Filter. Und den gibt’s leider nicht. Ich bin totsicher (ernsthaft jetzt), Bligg könnte aus einem random Top 20 Schweizer Rapper innert eines Jahres einen Star machen, und das durch blosse musikalische Erziehung. Nur findet diese eben nicht statt, und zwar praktisch nirgendwo.
- Dabu spricht die Notwendigkeit musikalischen Brückenschlagens an: um kommerziell erfolgreich zu sein, muss man musikalische Brücken schlagen zu anderen Stilen, weil man sonst die oben erwähnte Massentauglichkeit gar nicht erreicht (sprich: weil für Spartenmusik in der Schweiz zuwenig Fans vorhanden sind). Das scheint mir als Musiker wie als mein eigener Manager sehr einleuchtend, und das hat auch niemand bestritten: Ich bin der letzte, der mit seiner grundsätzlich discoiden und uptempo-Musik-fühlenden Art sich solchen Einflüssen gegenüber verschliessen würde. Jedoch, gemessen an mir selber: Die Discosachen sind in erster Linie von Musikliebhabern (und also auch der Presse) geschätzt worden, die Kiddies hingegen fanden’s zwar zum Teil ganz cool, aber viele verzettelten sich mir gegenüber entweder mit der Bitte nach alten Drumloops (weisch so wie Premier! LOL!), wieder andere wollten den dreckigen Süden, und die dritten hören jetzt eh Pitbull und Gabber-Techno oder so. Brücken schlagen alleine reicht eben noch nicht, es muss daraus ein generationsprägender Sound entstehen. Auch das ist eine Frage der “Campbildung”: Gäbe es in der CH unterhalb des Levels von Bligg und Stress klare Strukturen, das eine Camp geht in Richtung Atlanta, das andere hält es New York, das Dritte fährt gepitchte Stimmen und Lagerfeuerromantik und irgendwer macht noch den Blumentopf für Helvetien, dann würde die Sache nicht so ausarten. Was wiederum Dabus letztem Punkt Recht gibt: wir sind VIEL ZU VIELE! Aber: wir sind nicht in erster Linie zu viele, sondern diese vielen sind zu random und zu unstrukturiert und bleiben darum auf dem Level der immergleichen, nichtvorhandenen Durchschlagskraft. Es ist z.B. in meinen Augen absolut unglaublich, frustrierend und gleichzeitig sinnbildlich, wie zwei meiner regelmässigen Leser und Kommentierer (Grüsse an die Herren Saschino und Kurt Diggler) bei der Zusammenstellung einer imaginären Artistlist für einen 20 MCs umfassenden Sampler ABSOLUT KEINE SCHNITTMENGE aufweisen!?! Das ist kein Vorwurf an die Herren, aber es zeigt im Kleinen, woran wir kranken: Wenn zwei sich mit der Thematik offensichtlich auseinandersetzende Menschen sich bei der Breite von 20 Rappern in diesem Kleinland nicht bei einem EINZIGEN einig sind..
Im Ergebnis läuft diese ganze Abhandlung wieder auf mein ursprüngliches Argument hinaus: die Alten haben uns zuwenig geschult, uns zuwenig geführt, und wir sind zum Teil selber schuld, weil wir keine Führung erbeten und/oder angenommen haben. So entstanden aus vielleicht 10 Rappern mit einem bisschen Erfolg (mind you, und das ist ja aus heutiger Sicht ganz krass: bei der Bligg’n'Lexx-”Nahdisnah”-Plattentaufe waren die Arsonists VORGRUPPE (no kidding!) von Bligg und Lexx!!!) gefühlte 5000. Aber von denen, und ich bin leider Gottes einer von denen, bleiben 99.9 Prozent im Normalfall unter 1000 Verkaufseinheiten pro Album. Leider Gottes. Die Lösung ist offensichtlich, und ich schreie es laut:
Bligg/Stress/Rennie (oder Herr Sacchi von den SMAs Universal): ich bin ein Star, holt mich hier raus!
So, das wär’s für heute… Genug Gedankengänge für ein paar ordentliche Comments, wie ich hoffe…